Memes und Semiotik: Memes – Ein undefinierbares Internetphänomen?

Vom notorischen Harlem-Shake zu Katzen-GIFs, Charlie the Unicorn oder Rage-Comics: sie alle sind Memes. Dies sind Bilder, GIFs, Videos oder Tonspuren welche sich innerhalb kürzester Zeit global über das Internet verbreiten, um dann rezipiert, kommentiert und reproduziert zu werden. (Fall-)Beispiele für diesen Begriff gibt es unzählige, was ein „Meme“ jedoch konkret sein könnte, lässt sich aufgrund dieser Vielfältigkeit jedoch schwer definieren.

Erste Definitionsversuche lassen mehr Fragen aufkommen als Antworten:

  • Ist die weite Verbreitung das einzige Kriterium für ein Meme oder muss es andere Aspekte enthalten?
  • Warum sind Memes so beliebt und was macht ihren Reiz aus?
  • Haben Memes einen Sinn oder gar eine Funktion und welche, falls ja?

Fragen über Fragen.
Um diesem Gewirr etwas mehr Struktur zu geben, greifen wir – ganz konventionell – zu einem Text von Erika Fischer-Lichte: Die Zeichensprache des Theaters.


Zeichen: Gegenstand – Zeichenträger – Interpretant

Bildschirmfoto vom 2013-05-18 19:21:09Das theatrale Zeichen nach Peirce

Obwohl Fischer-Lichte sich in Die Zeichensprache des Theaters offensichtlich nicht mit der Welt online, sondern mehr mit der Welt auf der Bühne beschäftigt – ihre Kategorisierungen sowie Beobachtungen lassen sich auf Memes als Internetphänomen übertragen.
Denn wenn die Kultur als Zusammenhang von Zeichen zu sehen ist, ist ein Meme auch schlicht ein Zeichen, das seine Bedeutung durch seinen Kommunikationsprozess erhält.
Nach Peirce besteht das theatrale Zeichen aus einer triadischen Relation: ein Zeichenträger wird von einem Zeichenbenutzer (Interpretant) für einen Gegenstand verwendet. Das Zeichen und seine Bedeutung sind abhängig von der Art und Weise seiner Verwendung.
Konkret angewandt kann der Zeichenträger
Stuhl zum Beispielpiel je nach Verwendung des Schauspielers ein Berg, eine Person oder ein Thron bedeuten.

Weitere Merkmale eines Zeichens – hier nach Saussure – ist einerseits die kulturelle Konventionalisierung (und hier stellt sich natürlich die Frage, innerhalb welcher Kultur und/oder Kulturgruppe), andererseits die Möglichkeit, verschiedene Zeichentypen miteinander zu kombinieren – was zu einer Mobilität und Polyfunktionalität des Zeichens führt.

Auf Memes übertragen bedeutet dies also, dass es einen oder mehrere Zeichenträger gibt, die durch den Zeichenbenutzer (Blogger oder Poster) für einen Gegenstand verwendet werden, dessen Bedeutung erst durch die Weitergabe oder Kommunikation zu den Rezipienten (Seitenbesucher) eine Bedeutung erhalten.

Wichtig für die Memes hierbei ist die Betonung auf mehrere Zeichenträger und ihre Kombination. Zeichenträger aus verschiedenen Zeichensystemen werden miteinander kombiniert und ergeben ein neues Zeichen – ein neues Meme.

197150_490363107663806_349325459_n

Hier wird ein Zeichen aus der Pop-Kultur, das Lied „Call Me Maybe“ von Carly Rae Jepsen – an sich ein weltweit bekanntes Meme, wenn man will – mit dem Plot Romeo und Julias kombiniert. Die ursprüngliche Textzeile: „Hey I just met you and this is crazy/but here’s my number, so call me, maybe?“ wird durch den Zeichenbenutzer (Autor des Memes) modifiziert, und somit umgedeutet. Gleichzeitig ist ein Still aus Baz Luhrmanns Shakespeare-Verfilmung eingefügt – eine Zeichenkombination also aus den Zeichensystemen Musik, Literatur und Film. Die Bedeutung oder die Komik entsteht aus der Zusammenführung dieser aus komplett verschiedenen Kontexten, eine Strategie, die bereits im Freud’schen Witz verwendet wird.

Die Bedeutung besteht aber erst bei dem Rezipienten, wenn dieser die anzitierten Kontexte erkennt und in einen Zusammenhang bringen kann – also den kulturellen Konventionen bewusst ist. Das ist einerseits ein Problem, weil dadurch nur eine eingeschränkte Bedeutungszuschreibung stattfinden kann. Andererseits macht dies auch den Reiz der Memes aus, sie lassen eine neue gemeinsame Zeichensprache entstehen, welche von einer bestimmten Gruppe (westlich, ähnliche Altersklasse, hohe Technisierung) verstanden, rezipiert und produziert wird.

Genau dieser Punkt könnte die Antwort auf die vorherige Frage sein: Warum sind Memes so beliebt und was macht ihren Reiz aus?
Weil sie durch diese neue Zeichensprache ein Gemeinschaftsgefühl innerhalb der Rezipienten- und Produzentengruppe schaffen, zwischen Menschen, welche einen ähnlichen kulturellen oder sozialen Hintergrund haben. Weil durch diese gemeinsame Basis ein Gefühl der Teilhabe an einem großen gemeinsamen Zeichensystem aufkommt, an dem sie aktiv mitwirken und -empfinden können.

Haben Memes auch einen Sinn, gar keine Funktion?

Ja – zwar vielleicht nicht gerade Nyan Cat als solches. Aber Memes können als soziokulturelles Barometer und Kreativitätsventil der Bevölkerung dienen.

Als Kim Jong Un Drohungen an die Welt in Form von militärischer Bereitschaft sandte, waren Seiten wie 9gag voll von politisch-ironischen Memes – vergleichbar mit der politischen Karikatur. Den Start des Kinofilms Iron Man 3 oder Avengers kommentierten tausende User in Form von Memes. Die Referenzialität der Memes können als Gradmesser verwendet werden, was gerade in der oben genannten globalen Gruppe besondere Aufmerksamkeit erregt, gleichzeitig können Mitglieder ihrer Kreativität freien Lauf lassen – mal abgesehen davon, ob diese bekannt und zu internationalen Memes werden. Memes pointieren auch die Attitüde der „digital-natives“-Generation: die ironische Einstellung. Durch dieses Stilmittel wird Kultur- oder Sozialkritik betrieben, gleichzeitig aber auch der Mainstream bestätigt.

excellent-strategy-kim-jong-un

Ironie und Kombination von Politik und Film, Realität und Fiktion
Nordkorea wird ironisch die Militärstrategie Uns kritisiert, gleichzeitig die westliche Abstemplung Nordkoreas als absurdes und realitätsfernes Land bestätigt.

ironic-shakespeare

Bevor wir zum Anschluss an die Literatur kommen also ein letzter Definitionsversuch (ohne Gewähr):

Memes sind Zeichen in audiovisueller, textlicher oder akustischer Form, welche auf Grund ihrer Referentialität und Möglichkeit zur Neuinterpretation, sich innerhalb einer bestimmten Gruppe über das internet rasant verbreiten, und anschließend rezipiert und reproduziert werden. An ihnen kann man die Eigenschaften sowie Interessen dieser bestimmten Gruppe ablesen.

Und was hat das jetzt alles mit Literatur zu tun?

Nun sind Memes schwer als Literatur zu verstehen, das Grundprinzip dieses kulturellen Zeichens ist jedoch auch das Grundprinzip der Literatur. Literatur besteht nicht aus einzelnen abgeschlossenen Werken, entstanden aus einer originellen Idee eines Genies. Sie gehen aus einem kulturellen Kanon hervor, bedienen sich aus diesem und referieren stets intertextuell – Ideen, Symbole, Mythen werden gesammelt und neu zusammengestellt – Texte werden „recyclt“, wie Zeichen für Memes recyclt werden, um Neues entstehen zu lassen.

Was die Vereinfachung und Beschleunigung der zirkulierenden Zeichen sowie die Anonymisierung und der Bedeutungsverlust der Autoren für die Literatur bedeuten mag wird sich jedoch noch zeigen.

581523_554109701289146_601560010_n

Advertisements

Ein Kommentar

Eingeordnet unter 03. Sitzung - 14.05.

Eine Antwort zu “Memes und Semiotik: Memes – Ein undefinierbares Internetphänomen?

  1. Johnk395

    In fact when someone doesnt understand then its up to other visitors that they will help, so here it takes place. ggfgbddbffad

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s