Digitale Literatur & e-Poetics

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E-Books, Mitschreibprojekte, e-Poetry, Hyperlinks. Von der mündlichen Übertragung zur schriftlichen Festhaltung über die Erfindung des Drucks, erleben wir heute einen erneuten Umbruch mit: den zur digitalen Literatur.

Durch sie und die Verbindung mit dem Internet ergeben sich unzählige neue Möglichkeiten, die jedoch nicht immer nur positiv sind. Vordergründig stehen Fragen wie: Kann eine wertvolle, wissenschaftlich anerkannte Literatur noch gewährleistet werden, in einem Raum, der für jeden zugänglich ist und in dem nichts aussortiert wird? Muss die Literaturwissenschaft umdenken? Wie verändert sich die Autor-Leser-Beziehung?

Plötzlich erscheint das Geschriebene in einem ganz anderen Format. Es ist nichts Handfestes mehr,  kein Buch, das man sich in der Bücherei kauft oder in der Bibliothek ausleiht.

Das Internet (oder das Netz) erweitert das Feld der digitalen Literatur zusätzlich. Der Leser wird nicht nur (durch das Nutzen von Hyperlinks) in das Projekt eingebunden, sondern hat die Option, selbst Autor zu werden. Eine neue Produktions- und Rezeptionsbasis wird geschaffen.

Die lineare Struktur, wie sie in Büchern gegeben ist, verliert an Bedeutung. Verursacht wird diese Veränderung durch das Konzept des Hypertextes. Aber was genau ist unter diesem Begriff zu verstehen? Er bezeichnet einen neuen Text, einen neuen Wissenspfad, der über eine Querverbindung (Hyperlink) im vorausgegangenen Text beschritten wird. Dem Leser steht die Möglichkeit offen, selbst zu entscheiden, wie er vorgehen möchte und in welcher Reihenfolge er die Verbindungen wählen will. Er wird aktiv mit eingebunden und das hat die zuvor genannte Auflösung der Linearität zur Folge hat. Der Text als Einheit wird aufgebrochen.

Eines der ersten veröffentlichten Projekte zum Thema Hypertext bildete Susanne Berkenhegers „Zeit für die Bombe“:

http://berkenheger.netzliteratur.net/ouargla/wargla/zeit.htm

Sie gewann dafür 1997 den „Pegasus“- Preis.

Was damals eine Sensation war, ist heute nichts Besonderes mehr. Doch es zeigt, dass die Grenzen, die zuvor zwischen Autor und Leser vorhanden waren, sich bereits  zu dieser Zeit verwischen und sie tun es bis heute zunehmend. Doch nicht nur das. Die digitale Literatur ist multimediafähig. Das bedeutet, dass nicht mehr länger nur Text an sich verwendet wird, sondern eine Einbindung von Bild, Film und Ton möglich ist.

Was aus all diesen neuen Begebenheiten resultiert, ist die Notwendigkeit neuer und der klaren Definition bekannter Begriffe:

 Hyperfiction

„Hyperfiction“ bezeichnet einen literarischen Text, der im hypertextuellen Milieu konstruiert und rezipiert wird. Es kommt zur Auflösung der Linearität.

Digitale Literatur

„Digitale Literatur“ sind laut Roberto Simanowski alle computer- und netzbasierten literarischen Bestrebungen. Sie ist grundsätzlich an ein digitales Medium gebunden, welches interaktiv, intermedial oder inszeniert ist (eine dieser Eigenschaften genügt).

Literatur im Internet

Alles was als literarisch bezeichnet und ins Netz gestellt wird, ist als „Literatur im Internet“ zu verstehen.

Internetliteratur

Mit „Internetliteratur“ ist die Literatur gemeint, die ausschließlich mit Hilfe des globalen Netzwerks „Internet“ entstehen kann.

Schon allein die hiermit nur knapp angerissenen Bezeichnungen zeigen, wie schwer es ist, all den neuen Vorgängen in ihrer Komplexität gerecht zu werden.

 Zu einer neuen Art der Literatur gehören auch sogenannte „Mitschreibprojekte“. Der Leser ist eingeladen, gleichzeitig Autor zu werden. Dies kann unter anderem über ein für alle zugängliches Portal erfolgen oder über eine e-mail, die dem, der das Projekt einleitete (und der dann auch die Auswahlmöglichkeit hat), zugeschickt werden muss. Eine ganz andere Option ist die, dass der Leser vorschlägt, wie es weitergehen soll und der Autor bringt dies dann (nicht zu Papier sondern) ins Internet.

 Eine besondere Art dachte sich auch Dirk von Gehlen aus: Er stellte die Idee eines Buches („Eine neue Version ist verfügbar – Update: Wie die Digitalisierung Kunst und Kultur verändert“)  vor und die Leute hatten die Möglichkeit, das Buch zu kaufen, bevor es überhaupt geschrieben war. Als Gegenleistung wurde der Leser in den Entstehungsprozess miteingebunden. 350 Leserinnen und Leser kauften das Buch und es konnte problemlos finanziert werden.

http://www.dirkvongehlen.de/index.php/print/eine-neue-version-ist-verfugbar/

E-Poetry

Diese Idee ist nur eine von tausend neuen Wegen, die die Digitalisierung und das Internet ermöglichen. Was im Bezug auf Literatur nicht vergessen werden darf, ist das Feld der Poetik. Wie kann sie sich im Internet durchsetzen? Kann sie es überhaupt?

Die Beantwortung dieser Fragen erweist sich als schwierig. Es gibt unzählige Poetik-Foren, die immer neue Möglichkeit zeigen, wie man mit Poesie im digitalen Raum umgehen kann. Allerding handelt es sich dabei nicht um Besonderheiten. Zwar mag es den Leser oder Betrachter früher fasziniert haben, als die Variation, die in diesem Bereich eingebracht wurde, noch nicht ganz so verbreitet war, doch heute kann man sagen, dass sich dieses Genre nicht unbedingt durchgesetzt hat. Zumindest nicht in gleichem Maße wie literarische Texte.

Hier eines der regelmäßig aktiven Foren:

http://iloveepoetry.com/

Und daraus ein Beispiel für ein E-Poem:  

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http://iloveepoetry.com/?p=14

Wie sich zeigt, eröffnet sich dem Leser in vielen Bereichen eine Welt voller Möglichkeiten. Doch neben den Vorteilen, dass diese schnell und billig sind und dem Leser Freiraum und Eigenaktivität erlauben, stehen auch Nachteile wie die Unbeständigkeit, die Ununtersuchbarkeit oder der Aktualitätsverlust. Auch die Frage nach der Autorenschaft bleibt vorerst eine unbeantwortete. Aber nichtsdestotrotz birgt die digitale Literatur ein großes Potenzial. Sie darf als Literaturgattung keinesfalls aufgegeben werden, auch wenn ihre Wege scheinbar unberechenbar sind…

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Eingeordnet unter 06. Sitzung - 11.06.

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