Archiv des Autors: phmquardt

Ein kleiner Versuch zur Systematisierung des Fragen-Urwalds

Liebe Seminarteilnehmer*innen, liebe Leser*innen,

während der vergangenen Monate haben wir gemeinsam versucht eine große Bandbreite an Phänomenen zu diskutieren, die sich allesamt im Spannungsfeld verschiedener Erzählformen und Rezeptionsprozesse mit Bezug auf das Internet verorten lassen. Wie ich finde, bot die stets lebhafte Diskussionskultur im Seminar eine ideale Umgebung zur Ergründung neuester Entwicklungen auf diesem Sektor. Ohne Zweifel sind unsere vielschichtigen und bisweilen ausufernden Unterhaltungen natürlich noch längst nicht an ihr Ende gelangt. Jedes unserer Themen brachte vielmehr eine Fülle weiterer Fragestellungen mit sich. Aufgrund Eures spürbar vorhandenen Interesses hoffe ich, dass dieser Blog – nun da wir uns nicht mehr wöchentlich Face-to-Face aneinander abarbeiten werden – eine gute Möglichkeit zur Fortsetzung unseres kleinen Projekts darstellt!

Ausganspunkt des Kurses bildeten eine Reihe von Fragestellungen, welche einerseits grundlegende Entwicklungen im Bereich „digitaler/digitalisierter Narrative“ in den Fokus rückten und sich auf der anderen Seite stets einer gewinnbringenden Verknüpfung (literatur-) wissenschaftlicher Instrumente bei der Untersuchung sozio-kultureller sowie technologischer Transformationsprozesse verpflichtet sah. Interessiert an der Problematisierung der Frage nach:

  • der Bedeutung digitaler Kulturpraktiken,
  • den Konsequenzen für die Literaturwissenschaft(en)
    • gattungstheoretische Überlegungen
    • Autorenschaft
    • Interdisziplinarität
    • Interkulturalität
  • sowie generell an der Sprache & den Zeichen des „digitalen Zeitalters“

machten wir uns anhand etlicher Beispiele aus der Sphäre des Internets auf die Suche. Im Folgend möchte ich einige wichtige Ergebnisse unserer Erkundungsreise kurz zusammenfassen.

–       Begonnen haben wir unseren Spaziergang ins „erzählende Netz“ mit der Frage nach der Unterscheidung von Werk und Text im Sinne Roland Barthes. Der klassische Werk-Begriff ist aufgrund seiner prinzipiellen Abgeschlossenheit nicht länger von zentraler Bedeutung im Zeichen digitaler Textszenarien. Ein auf allzu manifeste Autorenschaft verzichtender, glokale Rezeptionsprozesse und Multimodalität beinhaltender Textbegriff ist narrativen Phänomen des digitalen Zeitalters weitaus angemessener.

–       Der Lesevorgang im Raum des Digitalen muss mit einer Modifikation der theoretischen Grundüberlegungen desselben einhergehen: Erzeugungsvorgänge des Erwartens (Protention) und Erinnerns (Retention) müssen auf interkulturelles, intermediales und hochgradig intertextuelles Erzählen angepasst werden.

–       Ein weitgefasster Narrations-Begriff, der nicht auf von vornherein festgelegte Rezeptionsmechanismen abzielt, sondern vielmehr von einer polyvalenten Vermittlung von multimedialen Inhalten und Formen ausgeht, scheint für die Beschreibung digitaler Literaturen, aufgrund seiner Offenheit auch gegenüber der nicht schriftlichen Materialität des Literarischen vielversprechender, als ein traditionelles Textverständnis. Allerdings zeigt sich an dieser Stelle aber gleich zu Anfang, dass terminologische bzw. definitorische Untiefen mit der Etablierung neuer wissenschaftlicher Zugriffe Hand in Hand gehen und das Ausloten eines neuen Feldes mittels erst noch zu entwickelnder Kategorien ein durchaus diffiziles Unterfangen darstellt.

–       Welche „Narrative“ haben wir gelesen und wie wurde das versucht? Memes, Blogs, hypertextuelle Text-Experimente, serielle Film-Formen, Figurentypen, Pop-Lyrics und die Bildwelten einer ästhetischen Guerilla strapazierten gleichermaßen die Vorstellung davon, was Text heute sein kann und weckten hoffentlich das Interesse für die Entwicklung neuer Merkmale gegenwärtiger Skripturen.

–       Definitorisch starteten wir mit technologischen Entwicklungen und ideologischen Anschauungen im Bezug auf das Internet: diskutierten enzyklopädische Utopie, die Rolle „sozialer Kommunikationsmedien “ und die ökonomische Dimension unseres Forschungsgegenstandes.

–       Anhand von Walter Benjamins Überlegungen zum „Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ ließen sich Fragen nach der „Aura“, der Authentizität im Hinblick auf die Wirkung von Kunst, mit „Neuen Medien“ in Bezug setzen und erkunden, ob und inwiefern die Digitalisierung künstlerischer Weltwahrnehmungen 1. das Wesen derselben grundlegend verändern und 2. welche Rolle gesellschaftlichen Entwicklungen aufgrund technologischer Innovationen zugedacht werden kann.

–       Ein aussagekräftiges Phänomen zur Beschreibung „global“ zirkulierender und lokal angeeigneter Narrative bot uns die Beschäftigung mit Internet-Memes. Auf Grundlage der semiotisch ausgerichteten Theorie des Theatralen von Erika Fischer-Lichte ließen sich Memes im Sinne eines relationalen Zeichenbegriffs verstehen, wobei sich die Produktion von Bedeutung, die Kommunikation sowie die Vermittlung derselben gleichzeitig ereignen. Die Semiose bei über das Internet verbreiteten Memes lässt sich in mehrerlei Hinsicht mit der Generierung semantischer Welten des Theaters in Verbindung setzen, scheint auch hier die performative Beziehung mehrerer Zeichenbenutzer im Hinblick auf ein Objekt sowie einen Code-spezifischen, interpretatorischen Aneignungsraum von zentraler Bedeutung. Neben einer differenzierten Analyse der ineinandergreifenden Zeichensysteme bedarf die produktive Anwendung semiotischer Ansätze im Bezug auf Memes v.a. der gezielten Identifizierung sozio-kultureller Prämissen und technisch-medialer Grundlagen.

–       Durch die Beschäftigung mit einem zentralen literarischen Text aus dem 18. Jhd. wurde das erste Mal der anvisierten Methode Rechnung getragen, gegenwärtige Phänomene im Vergleich zu früheren Entwicklungen zu kartographieren und somit das Verhältnis von Bedeutungsherstellung und ihren narrativ-medialen Mechaniken historisch zu kontextualisieren. Goethes „Leiden des jungen W“ schlugen kurz nach Erscheinen ein wie eine Bombe. Für einen kleinen, überwiegend jungen und schreibwütigen Teil innerhalb der kleindeutschen Gesellschaft des 18. Jhds., der Adornos Beschwörung „der vollends aufgeklärten Welt im Zeichen triumphalen Unheils“ als sich anschickende, alles domestizierende Herrschaftsvernunft bereits früh in den eigenen Gliedern spürte, wurde der Briefroman zum subkulturellen Gegenentwurf par excellence. Die wirkmächtig inszenierte Leidensgeschichte Werthers, welche über die gewählte Form alles daran setzt eine authentische Fiktion seelischer Wechselwirkungen heraus-zugeben, bespielt intratextuell das „soziale Medium“ der Zeit; den Brief. Über einen in dieser Form neu entstehenden Kommunikationskanal stürmen und drängen sowohl der Roman als Ganzes sowie einzelne Bedeutungspakete innerhalb des Texts in tausende individuelle Repertoire zur Beschreibung der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Die vielbemühte Klopstock-Episode steht dabei exemplarisch für den Transfer emotional grundierter Semiose-Szenarien, deren Rolle bei der Konstruktion von Identität und lässt sich mit Blick auf die Gegenwart in ihrer Wirkweise durchaus auch als Meme begreifen. Ein Meme allerdings, das auf anderen kulturellen und technologischen Voraussetzungen basiert.

–       Auch die Auseinandersetzung mit Diderots Encyclopédie setze sich zum Ziel Wissensarchive der Gegenwart historisch-komparatistisch mit strukturellen Vorformen in Verbindung zu bringen. Der „Kreis des Wissens“ der radikalen Aufklärer rückte den Menschen, samt Sinneseindrücken und die Reflektion derselben, gegenüber theologisch organisierten Erkenntnismodellen ins Zentrum. Eine alphabetische Anordnung der einzelnen Artikel und vor allem die intendierte Methode der Verknüpfung der jeweiligen Wissensgebiete aus Raison, Histoire und Imagination sollten den Rezipienten in die Lage versetzen, eigenständige und unabhängige Denkweisen der Welt zu entwickeln. Der utopischen Hoffnung, im Zeichen der Humanität alle Erkenntnisse und Erfahrungen für kommende Generationen „abzuspeichern“ sowie gezielt didaktisch zu inszenieren, steht die Wikipedia in nichts nach. Als ein von potentiell jedem mitgestaltbares Lexikon erweitert es die kühnsten Hoffnungen der Enzyklopädisten um den entscheidenden Aspekt, auch mit aktuellen Entwicklungen Schritt halten zu können. Allerdings treten neue Probleme auf den Plan, wie etwa Fragen nach Ursprung, Zuverlässigkeit und Überprüfbarkeit der stets modifizierbaren Informationen. Erst im Kontrast zum beeindruckenden Vorgänger aus dem Siècle des Lumièrs können Reflexionszonen diesbezüglich abgeschritten werden. Die Frage etwa, wie eine an naturwissenschaftlichen Standards und Formen ausgerichtete Enzyklopädie vom Instrument satirischer Inhalte mit gesellschaftskritischen Impetus Gebrauch machen darf, wurde durch die vergleichende Beschäftigung zum interessanten Unterschied zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

–       Mitter der 1990er Jahre erlebte die sog. Internetliteratur eine kurze Blütezeit. Das Potential multimedialer und hypertextueller, sprich nicht länger linearer Erzählverfahren, versprach eine gewaltige Erweiterung literarisch-ästhetischer Weltzugänge. Von einigen wenigen und nur selten über den Zeitpunkt ihrer Erscheinung hinaus an Bedeutung gewinnenden Netz-Text-Experimenten abgesehen, hinterlässt uns die vergleichsweise geringe Anzahl an Material ein unüberschaubares Konvolut an Termini, Definitionen und Theoremen. Diese zu sortieren, jene Konzepte auf ihre Anwendbarkeit und etwaiges Zukunftspotential bei der Genese literaturwissenschaftlicher Analyseinstrumente hin zu befragen sowie außerdem den Gründen des relativen Misserfolgs sog. Netzliteraturen nachzuspüren, war das Ziel im Umgang mit diesen, auf ihre digitale Rezeption hingeschriebenen Formaten.

–       Waren schon Texte, die im (Selbst-)Verständnis ihrer digital-medialen Verfasstheit hergestellt wurden, im Hinblick auf das sich daraus eventuell abzuleitende theoretische Instrumentarium tendenziell ernüchternd, so führte auch die Auseinandersetzung mit dem Thema E-Books und E-Publishing weniger zur Klärung als vielmehr zur Entstehung unzähliger neuer Fragekomplexe. Autorenschaft im Zeichen kollaborativer Produktionsweisen und komplexe Veränderungen der ökonomischen Spielregeln durch Social Media auf dem Buchmarkt markieren zwei ineinandergreifende Problemzonen. Die traditionelle Beziehung von Autor, Werk und Kritiker sieht sich immer unausweichlicher mit neuen Akteuren bei der Produktion und Rezeption literarischer Erzeugnisse konfrontiert. Längst bestimmen digital organisierte Fankulte Themen neuer Bücher. Die aktive Rezeption auf sozialen Plattformen wird zum wichtigen Indikator für Erfolg oder Misserfolg und markiert somit einerseits das Erwachen des aktiven Lesers im 21. Jahrhunderts, sieht sich aber auf der anderen Seite auch mit kultur-industriellen Verwertungspraktiken des empirisch immer genauer zu bestimmenden Konsumenten von Literatur konfrontiert. Ebenfalls zu diskutieren im Zusammenhang mit elektronischen Lesegeräten ist natürlich die Rolle der veränderten materiellen Verfasstheit des Jahrhunderte lang vergilbenden, riechenden und anfassbaren Texts. Inwieweit die elektronische Ausgabe die geistige Aufnahme beeinflusst, ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt, gestützt auf gründliche Untersuchungen, noch nicht wissenschaftlich zu diskutieren.

–       Als interessante Wechselperspektive möchte ich hier nochmal auf den sich neu formierenden Untersuchungsansatz, den sog. Annotations, verweisen, welcher uns dankenswerterweise von dem Komparatisten Timo Stösser präsentiert wurde. Durch das Einbeziehen von digitalen Hilfsmitteln bei der metareflexiven „Bedeutungssuche“ in literarischen Texten wurde exemplarisch aufgezeigt, inwiefern neue technologische Instrumente für klassische Bereiche der Literaturwissenschaft produktiv werden können.

–       Ohne Zweifel stellen Filme generell und zunehmend speziell filmische Formate des Seriellen den Raum zur Verbreitung von Narrativen in der Gegenwart dar. Das Themenspektrum Internet und Film muss sich daher zunächst das Spannungsfeld von Text und Film vorknöpfen, wollen Aussagen über die erweiternde Beziehung von filmischen Inhalten und ihrer spezifischen Rezeption im Netz unter die Lupe genommen werden. Theorien der Intermedialität bilden dazu eine Grundlage. Konvergenzphänome und Fort- bzw. Weiterschreibungsszenarien sind hierbei mindestens so wirkmächtig, wie im Feld des Literarischen. Serien lassen sich gut mit zu Beginn des 20. Jhds. populären Fortsetzungsromanen vergleichen – beide orientieren sich stark an der Erfahrungswelt ihrer Rezipienten, beide distanzieren sich von traditionellen Erzählformaten innerhalb ihrer Gattung – sie unterscheiden sich allerdings aber auch deutlich durch ihren Verbreitungsradius. Serien lassen sich prinzipiell mühelos über das Internet rezipieren, sind somit weit über ihre Entstehungsorte hinaus bekannt und tragen dieser Tatsache beim kollektiven Herstellungsprozess offen Rechnung. Themen, Figuren und Settings des „Superzeichens“ orientieren sich längst an einer globalen Wahrgenommenheit, mag diese auch nach wie vor westlich dominiert sein. Wie genau diese neuen Umgebungsvariablen zu bestimmen sind und wie sie sich auf Narrationen und deren Verbreitung auswirken, gilt es noch zu untersuchen. Eine komparatistische Literaturwissenschaft hätte in ihrem Arsenal an theoretischen Überlegungen zu Übersetzung, Hybridisierung und Transgression einiges dazu beizutragen.

–       Eine Figurenkonfiguration, anhand derer sich ein solch glokalisierter Trend des Narrativen ablesen lässt und eventuell ebenfalls ein besseres Verständnis für die Rückgebundenheit von literarischen Typen an eine sozio-kulturelle und technische Umgebungswelt ermöglicht, ist der in zeitgenössischen Erzählformaten omnipräsente Nerd. Vom Comicbookguy bis zu Sheldon Cooper scheint die ambivalente Figur des Nerds eine ideale Projektionsfläche für gleichermaßen individualisierte und kollektive Hoffnungen sowie Ängste der Zeitgenossen abzugeben. Durch die Konfrontation mit einem einst extrem prominenten Figurentypus, dem Decadent, konnten wiederum Gemeinsamkeiten (Außenseitertum und Inselbegabung) sowie Unterschiede (Zukunftspessimusmus vs. Fortschrittsoptimismus, subjektive Ästhetisierung vs. objektive Vernaturwissenschaftlichung, usw.) herausgearbeitet werden. Anhand von Hanno Buddenbrook und Sheldon Cooper lassen sich des Weiteren diagnostische Spekulationen über die Verfasstheit der Gründerzeit bzw. der Netzgesellschaft anstellen. Letzterer verweist ostensiv erneut auf die neuen Distributionsreichweiten narrativer Elemente und rät – wie beinahe alle innerhalb des Seminars behandelten Gegenstandsbereiche – künftigen wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit modernen Gesellschaften dringend zu interkulturellen, intermedialen und interdisziplinären Forschungsdesigns.

–       In ganz besonderem Maße gilt dies Diktum auch für den Bereich Internet und Popkultur. Medienkombination, Medienwechsel und intermediale Bezüge spielen für die glokale Bedeutungskonstruktion Pop-kultureller Inhalte eine solch dezidierte Rolle, dass ihnen mit klassischen Instrumenten aus der Literaturwissenschaft alleine längst nicht mehr beizukommen ist. Allerdings stellen gerade Pop-Lyrics die wohl meist rezipierte Form lyrischer Texte der Gegenwart dar und sind – ganz im Gegensatz zum oftmals ungeliebten Fachbereich in den Literaturwissenschaften unter Studierenden – wichtiger Indikator für die ungebrochene Wirkmächtigkeit der Lyrik in unserer Welt. Neben einer befruchtenden Rolle für ein besseres Verständnis der wohl variabelsten und weitverbreitetsten Literaturgattung, erweisen sich Pop-Songs aber vor allem auch als sozio-kulturelle Refelxionsfolie zeitgenössischer Weltanschauungen und -wahrnehmungen als reichhaltiger Fundus. Auch wenn in dieser Hinsicht erneut beileibe nicht alle Fragen geklärt werden konnten, so zeigte die Beschäftigung mit Pop-kulturellen Erzählkonfigurationen dennoch auf, dass sie als Archiv für eine kulturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit Medienwandel und neuartigen Semioseprozessen äußerst ergiebig ist.

–       Unser vorerst letzter Zwischenstopp bei der Erkundung digital in Erscheinung tretender Narrativiken führte uns in die Welt der Streetart. Über einen kleinen Blick in die Entstehungsgeschichte der Kunstform lassen sich einige bedeutsame Begleiterscheinungen identifizieren (bspw. die Bedeutung von „beweglichen“ Leinwänden, intertextuellen Ambivalenzen, der Dekonstruktion von Räumen). Die (Be)Nutzung und (Zweck)Entfremdung urbaner Räume könnte unter einigen Gesichtspunkten analog zur intendierten Durchkreuzung der digitalen Codes im Internet, in Form von Hacking, betrachtet werden. Ob ein Zeichensystem sich mittels eigener semiotischer Codes letztlich stets reproduziert und damit festigt oder ob eine ästhetische Guerilla-Taktik zur substantiellen Herausforderung etablierter Zeichenwelten führen kann, lässt sich im Vergleich der Welten Streetart und „Web-Streetart“ zur hoch spannenden Diskussion entwickeln.

Fazit:

Eine etwaige Frustration bezüglich unzähliger Themenkomplexe, die innerhalb der Lehrveranstaltung nicht eindeutig mittels harter Thesen verortet werden konnten, kann ich teilweise nachvollziehen. Wie geht es jetzt von hier an weiter? Weitere Fragen, noch weniger Antworten? Vielleicht! Allerdings spiegelt das ernüchternde Fazit ironischerweise selbst die immer komplexer erscheinende Verfasstheit der Welt wieder. In Einzelstudien muss nun der Versuch unternommen werden Phänomene aus dem Feld der digitalisierten Narrative der Gegenwart behutsam herauszulösen, präzise aufgrund theoretischer Vorüberlegungen zu analysieren und letztlich wieder in ein Gesamtbild des Gegenstandbereichs einzupassen. Geistesgeschichtliche, gattungstheoretische, narratologische, medienwissenschaftliche, kulturwissenschaftliche und Technologie-theoretische Ansätze könnten dabei helfen. Ein wissenschaftliches Bewusstsein für die Notwendigkeit interdisziplinärer Methoden und eines historisch-komparatistischen Vorgehens scheint dabei von zentraler Bedeutung.

Gerade komparatistisch geprägte Überlegungen und Konzepte erwiesen sich bei Fragen, z.B. nach dem Verhältnis von Autor und Rezipienten, Globalisierung und Lokalisierung, Übersetzungsprozessen sowie transmedialen und multimodalen Formen des Narrativen im Zeichen des Internets als äußerst produktiv. Der Versuch im Seminar immer wieder gezielt zeitgenössische Erzählszenarien, die zunehmend stark durch ihre digitale Vermittlung geprägt werden, kontrastiv mit früheren Vergleichsphänomenen in Bezug zu setzen (z.B. (Internet-)Memes schon in Goethes Werther?, Encylopédie und Wiki, Fortsetzungsromane und TV-Serien oder Nerds und Decadents) scheint mir zumindest eine Möglichkeit abzugeben, wie konkretere Erkenntnisse kontrastiv erzeugt werden können. Literaturwissenschaftliche Überlegungen erlangen so bestenfalls Relevanz bei der Beschreibung aktueller Realitäten und in „alten“ Literaturen „abgespeicherte“ Lebenswirklichkeiten können einerseits selbst neu begriffen sowie anderseits als Reflexionsbasis für ein besseres Verständnis der Gegenwart herangezogen werden. Wenn die gerade entstehenden Seminararbeiten weiterhin oder zumindest in Teilen auf diesem methodologischen Setting aufgebaut wären und zeitgenössische Entwicklungen, sozio-kulturelle, geistesgeschichtliche und technologische Praktiken somit historisch-vergleichend (diachron) und, ausgehend von einem weit-gefassten Narrations-Verständnis, interdisziplinär (synchron) beschreibbar würden, wäre das meines Erachtens ganz wunderbar!

Vielen Dank Euch allen für ein sehr spannendes und stets unterhaltsames Sommersemester!

Philipp Marquardt

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