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Brief, Blog, E-Mail und die Leiden des jungen Werther

Was hat der herkömmliche Brief mit der elektronischen E-Mail gemeinsam? Gibt es zwischen Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ und der heutigen Bloggerszene und Internetmemes Parallelen? Und wer oder was ist eigentlich Klopstock?

Um all die Fragen beantworten zu können, sollte zunächst der Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“ von Johann Wolfgang Goethe in einen historischen Kontext gesetzt werden. Die Erstausgabe des Romans erschien 1774, im 18. Jahrhundert, Zeitalter der Aufklärung. Sucht man im Internet nach Definitionen für dieses Zeitalter liest man: Vernunft, Rationalität oder Mut zum Verstand. Hier ein typisches Beispiel:

“Das Zeitalter der Aufklärung war eine Epoche der geistigen Entwicklung der westlichen Gesellschaft im 17. bis 18. Jahrhundert, die besonders durch das Bestreben geprägt war, das Denken mit den Mitteln der Vernunft von althergebrachten, starren und überholten Vorstellungen, Vorurteilen und Ideologien zu befreien und Akzeptanz für neu erlangtes Wissen zu schaffen.” Quelle: Wikipedia

Doch war die Aufklärung tatsächlich so „gefühlslos“ oder sind das alles Vorurteile? Die Leiden des jungen Werthers widerspreche dann inhaltlich dem Aufklärungsgedanken sehr stark. Der junge Rechtspraktikant ist ganz und gar nicht vernünftig, sondern gefühlsbetont! Als ein formales Merkmal der Aufklärung gilt jedoch die Kommunikation und die Expansion des Briefmarktes, woran sich auch der Roman bedient. Heute gilt das Werk wegen seiner Gefühlsbetontheit und Naturbegeisterung als Werk der Epoche Sturm und Drang. Aber vielleicht möchte diese Zuordnung ja auch jeder für sich selbst treffen…

Auch zur Aufklärung lebend, aber sehr gefühlsbetont schreibend war der deutsche Dichter Friedrich Klopstock, dessen Gedicht „Die Frühlingsfeyer“ (http://meister.igl.uni-freiburg.de/gedichte/klo_fg.html) auch für die Figuren aus Goethes Roman eine wichtige Rolle spielt.

 Friedrich Klopstock gilt als Vertreter der Empfindsamkeit!

Wichtig ist das Gedicht „Die Frühlingsfeyer“ von Klopstock in der Szene in Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werthers“, als dieser mit Lotte am Fenster steht und beide voller Furcht einem Gewitter zuschauen. (Die Menschen damals hatten große Angst vor Gewittern). Plötzlich sagt Lotte „Klopstock“, woraufhin sich Werther an die „herrliche Ode“ erinnert und Lotte daraufhin küsst. „Klopstock? Was soll das denn heißen? Wieso sagt sie Klopstock und wieso küsst er sie daraufhin?“, wundert man sich da heutzutage. Ja, wieso sagt Lotte den Namen des oben genannten Dichters? Lotte möchte hier kein literarisches Gespräch (über den Dichter) beginnen, nein Werther kann hier das fehlende Glied zwischen der Situation und dem Dichter einsetzten. Er offenbart sich Lotte endgültig als Eingeweihter. Der Dichter wird zum match-maker: Klopstock war im 18. Jahrhundert im kulturellen Kontext verständlich. So wie wir heute vielleicht zu jemand, der etwas „dummes“ macht, einfach „YOLO“ sagen. Werther und Lotte wissen was gemeint ist und denken dasselbe. Klopstock als ein Zeichen, das nicht jeder versteht, das für Lotte und Werther aber vielleicht sogar ein Verweis auf Seelenverwandtschaft ist.

Ist Klopstock also ein Meme? Oder ein Insider? Oder nichts von beidem?

Obwohl wir für ein Meme noch immer keine allgemeingültige Definition gefunden haben, wissen wir dass es sich bei den Memes, die wir kennen um „Bilder, GIFs, Videos oder Tonspuren welche sich innerhalb kürzester Zeit global über das Internet verbreiten, um dann rezipiert, kommentiert und reproduziert zu werden“ (Blogeintrag 3. Sitzung) handelt. Einerseits könnte man also meinen, dass es sich bei „Klopstock!“ um einen Insider handelt, da sich Memes sehr schnell verbreiten und das zu damaligen Zeit unmöglich war. Vor allem verstehen vielleicht nur Lotte und Walther die Bedeutung des Wortes und erkennen sich so als Gleichgesinnte. Auf der anderen Seite deutet folgendes auf das Gegenteil hin: Einer der drei theatralen Codes (die wir erarbeitet haben) ist der Code auf Basis sekundärer (sub-)kultureller Systeme. Werther gilt dann als Repräsentant junger, gut gebildeter Menschen, die wie wild anfangen zu lesen und zu schreiben. Er ist der Repräsentant einer Subkultur, auf dessen Basis der Code besteht. Unter dieser Betrachtung handelt es sich um ein Meme. Im 18. Jahrhundert bricht ein Werther-Hype aus: Es gibt Werther-Porzellan zu kaufen, die gelbe Hose kommt in Mode und es bilden sich sogar sogenannte Wertheriaden: http://de.wikipedia.org/wiki/Wertheriaden . Es bricht eine Jugendkultur aus. Aber bedeutet das auch gleichzeitig, das der heutige Blog (auch neuer Kult) Ähnlichkeiten zu Werther hat? In gewisser Weise schon. In vielen Blogs geht es auch darum, seine Gefühle zu äußern, Dinge anzusprechen, die man nicht ansprechen würde, wenn man sich nicht hinter seinem Blog verstecken kann. Ähnlich wie Werther handelt man alleine nach seinen Gefühlen. Walther Benjamin stellt die These auf: „Entwicklung muss einer Reaktion folgen“ (siehe Werther Emails und jetzt SMS)

Wie man sieht, ist das alles nicht so einfach zu definieren und zu bestimmen. Vielleicht war das früher noch etwas einfacher, als es noch gar nicht so viele unterschiedliche „Nachricht-Möglichkeiten“ gab. Damals gab es einfach den Brief. Doch es hat sich folgende Entwicklung vollzogen:

Brief -> E-Mail -> SMS -> App -> Facebookposts

—– gleichzeitig geringere Wertung (!!????)—–>

Die Wertung muss jeder für sich selbst bestimmen. Auf der einen Seite hat der Brief an quantitativen Wert sehr stark abgenommen, dafür vielleicht aber qualitativ dafür umso mehr zugenommen. Seltenheiten gewinnen oft an Wert. Und ein handschriftlicher Brief ist heutzutage selten und somit eben wertvoller als einer von Millionen Facebookposts.

In diesen beiden, wundervoll geschrieben, Büchern („Gut gegen Nordwind“ und „Alles sieben Wellen“) entsteht eine Liebe zwischen zwei Unbekannten, die zunächst nur über E-Mails kommunizieren. Passt vielleicht nicht 100%, ist aber trotzdem schön:

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