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Die Encyclopédie und Wikipedia

Die Encyclopédie als „Kreis des Wissens“ – Und was aus diesem Kreis in heutigen Tagen geworden ist

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Das Streben nach Wissen ist eine Grundeigenschaft des Menschen, die ihm – laut der Bibel – schon im Paradies zum Verhängnis wurde. Hätten Eva und Adam nur nicht von dem Apfel gegessen… Was wäre dann? Würden die Menschen dann wissens- und ahnungslos durch Welt wandeln? Wie sähe so ein Menschenleben aus? Wäre das Hauptziel des Lebens, sich fortzupflanzen und einigermaßen wohl zu (über)leben? Ein solches Leben können wir uns als Menschen nicht vorstellen, da wir eben alle (die einen mehr, die anderen weniger) nach Wissen streben. Und das ist auch gut so: Von der kindlichen Neugier sagt man, sie sei wichtig, um die Welt zu entdecken. Nur wer die Welt entdeckt hat, kann sich erfolgreich in ihr bewegen. Prinzipiell unterscheidet sich dies nicht von der „erwachsenen Neugier“, beziehungsweise dem Streben nach Wissen.

Doch wie kann man sicherstellen, dass dieses Wissen nicht irgendwann verloren geht? Diese Frage stellten sich Denis Diderot und Jean Baptiste de Rond d’Alembert vor etwa 260 Jahren auch. Die Lösung: Ein Buch. Mehrere Bücher. Sehr viele Bücher, um genau zu sein, die das ganze Wissen der Menschheit beinhalten. Der Name des Werkes: Die Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers.

Doch Diderot und d’Alembert wollten Wissen nicht nur bewahren, sie wollten es hauptsächlich auch allen zugänglich machen, sodass nicht eine bestimmte Gruppe (etwa Kirche oder Staat) die Kontrolle darüber hatte, welches Wissen unter der Bevölkerung verbreitet wurde und welches nicht. Dieses Vorgehen von bestimmten Institutionen ist auch heutzutage gar nicht so unüblich. Man denke dabei an die Zensur in China. Und daran, was manche Reporter und Journalisten auf sich nehmen, um die unzensierte Wahrheit in China zu veröffentlichen (http://www.reporter-ohne-grenzen.de/china-spezial/). So kann man sich vorstellen, was es  im 18. Jahrhundert bedeutete, eine „unzensierte“ Enzyklopädie herauszubringen, in der die Bibel nicht die Hauptquelle und Gott nicht das Zentrum allen Wissens war, sondern der Mensch selbst.

Heute haben wir Wikipedia – die frei Enzyklopädie aus dem Internet, an der jeder mitarbeiten kann und die so beliebt ist, dass sie aktuell auf Platz 6 der meistbesuchten Websites steht. Kein Wunder, schließlich ist sie in 285 Sprachen verfügbar. Da ein Sprache meist auch aus einem bestimmten Kulturkreis kommt, macht Wikipedia es möglich, die verschiedenen Wissenskulturen zu vergleichen, wenn man die Artikel desselben Themas in den unterschiedlichen Sprachen betrachtet. Hier wäre es beispielsweise interessant, das Thema „Pressefreiheit“ im chinesischen Wikipedia im Vergleich zum deutschen Artikel zu betrachten.

Da Wikipedia ein Online-Lexikon ist und praktisch jeder mitarbeiten kann, steht es oft in der Kritik. An der Uni gleicht eine Quellenangabe von Wikipedia einer Todsünde. Dabei hat erst jüngst eine Studie ergeben, dass Wikipedia sogar noch zuverlässiger ist als die Encyclopaedie Britannica (hier gibt’s die Studie im PDF-Format: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/29/EPIC_Oxford_report.pdf). Vor allem in Sachen Quellennachweise und Aktualität sei Wikipedia der Encyclopaedie Britannica weit voraus; zumindest letzteres überrascht allerdings nicht.

Trotz allem hat Wikipedia immer wieder mit Kritik in bezug auf Unzuverlässigkeit zu kämpfen. Vermutlich ist dies auch ein Grund dafür, dass die Artikel auf sachlicher, objektiver und naturwissenschaftlicher Basis geschrieben sind – um die Glaubwürdigkeit zu erhöhen.

Anders hingegebn bei der Encyclopédie, die als wichtige Charakteristik die Satire beinhaltet – natürlich sind nicht alle Artikel satirisch geschrieben, es gibt allerdings auch Verweise, die teilweise satirisch gemeint sind. Satire wird in diesem Zusammenhang als Kritik angesehen und sollte dadurch auch Wissen vermitteln: Das Wissen darum, dass ein Mensch kritisch an die Dinge herangehen muss und sich sein Denken selbst konstruieren sollte.

Hier stoßen wir auf die Gretchenfrage in Sachen Enzyklopädie: Ist es deren Aufgabe, Kritik zu äußern und somit Kritikfähigkeit zu fördern, oder sollte sie reines Wissen vermitteln?

Auf der einen Seite ist es natürlich wichtig, Kritikfähigkeit zu entwickeln. Allerdings sind wir heutzutage so vielen Medien ausgesetzt, dass es nicht schadet, eine objektive Quelle zu haben, auf die man zurückgreifen kann – sei es Wikipedia oder eine gedruckte Enzyklopädie. Zu Diderots Zeiten war dies anders, denn damals gab es nicht so viele Möglichkeiten der Kritik und freien Meinungsentfaltung.

Das Argument, dass man beim Lesen eines Artikels in Wikipedia nicht mehr nachdenken müssen, kann hier nicht greifen, schließlich müssen auch objektive Informationen verarbeitet werden. Im Gegenteil: Der Leser muss sich seine Meinung komplett selbst bilden, anstatt sie einfach zu übernehmen, wie es bei einem satirischen Artikel eventuell der Fall wäre.

Wie schon angedeutet, gibt es im Internet genug andere Möglichkeiten, kritische Meinungen zu lesen. Ein Beispiel für eine rein satirische „Enzyklopädie“ ist stupidedia.org:

Die Wikipedia (Kunstwort aus der Kinderserienfigur „Wiki und die starken Männer“) ist ein weißer Ball von etwa 4 cm Durchmesser mit komischen Buchstaben und einem Loch. Ziel der Wikipedia ist es, das gesamte Internet zu ersetzen. Sie bezeichnen sich selbst als die freie Enzyklopädie.

http://www.stupidedia.org/stupi/Wikipedia

Was mit Satire im Internet passiert, kann man sich dort sehr schön anschauen. Natürlich gibt es noch unzählige weitere Websites wie diese, beispielsweise die Homepage des Satiremagazins Titanic http://www.titanic-magazin.de/.

Seltsamerweise ist unter den beliebtesten Websites im Internet keine solche Seite vertreten, Wikipedia hingegen steht auf Platz 6 – ein Indiz dafür, dass die Menschen diese „Sicherheit“ suchen und brauchen? Oder vielleicht einfach nur ein Anzeichen für deren Faulheit…?

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