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Die Bibel wird digital

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Von Fans – Für Fans

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Die Fan Fiction, oder auch Fanfiktion, FF und Fangeschichte genannt, ist ein schriftliches Werk – von Fans, für Fans. Man suche sich also sein Lieblingsbuch oder seinen Lieblingsfilm, nehme seinen Lieblingscharakter, erfinde vielleicht noch ein oder zwei (oder zehn) Charaktere, greife sich einen Plot und los geht’s. Der Imagination sind dabei keine Grenzen gesetzt – zwei Regeln zur Abgrenzung von anderen Texten lassen sich wie folgt definieren: 1. Ein der Teil der Geschichte – und mag er noch so klein sein – muss direkt von einem bereits vorhanden (in der Fankultur bekannten) Text übernommen sein, und 2. der andere Teil muss aus der eigenen Fantasie stammen – reines Übernehmen oder: Zitieren – reicht nicht für eine Fan Fiction.

“This goes to the very nature of fan culture: fans write stories because they want to share insights they have into the characters, their relationships, and their worlds; they write stories because they want to entertain alternative interpretations or examine new possibilities which would otherwise not get expressed through the canonical material.”

– Henry Jenkins (1)

Der Medientheoretiker Henry Jenkins redet hier von Fankultur und einem kanonischen Material, das sich aus Filmen und Büchern zusammensetzt, die wir – als Literaturwissenschaftler – nicht unbedingt als ‚Kanon‘ bezeichnen würden. Es geht hier also nicht um Goethe oder Edgar Allan Poe, sondern um Harry Potter, Game Of Thrones, Yu-Gi-Oh oder Star Wars. Gleichzeitig ist dieser Sub-Kanon alles andere als stabil – sehr gut am Beispiel von Star Trek zu erkennen, eines der ersten und jetzt wieder neuesten Gebiete der Fankultur (auch genannt: Fandom). Nur, um nicht falsch verstanden zu werden: Star Trek Fans gab es schon seit Anbeginn der ersten Serie, doch das rege Interesse eines breiten Fandoms – inklusive Fan Fiction Produktion – erfreut sich seit neustem einem Comeback, woran J.J. Abrahams’ Star Trek (Film) nicht ganz unschuldig ist.

Fankultur ist immens. Sie ist ein Prozess, eine internationale Gemeinschaft, welche mithilfe des Internets produziert, kommuniziert und distribuiert. Sie wächst von Tag zu Tag und ist inzwischen so mächtig, dass verschiedene Autoren und Institutionen versuchen, ihrer Herr zu werden. Wie Lucasfilm mit „The Official Star Wars Fan Film Awards” – einem Wettbewerb, der zum einen die Kreativität der Fans fördert und sie zum anderen wohlwissend beschränkt: Bis 2007 waren hier keine Videos erlaubt, die auf einer Fan Fiction basierten. Anne Rice, die Autorin der Reihe „The Vampire Chronicles” verbot Fan Fiction gleich ganz und Paramount Pictures verklagte kurzerhand einige Fanseiten zum Thema Star Trek. Man sieht: Auch hier ist die Frage nach dem Copyright sehr aktuell (2).

Aber um es kurz zu fassen: Fankultur ist inzwischen so mächtig, dass sie nicht nur die Aufmerksamkeit Hollywoods, sondern auch der Wissenschaft erregt. Der bereits erwähnte Medienwissenschaftler Henry Jenkins zum Beispiel hat sich in seinem Werk „Convergence Culture“ (2006) (3) ausgiebig mit dem Phänomen der Fankultur – und ihren möglichen Auswirkungen auf die Produktionsebene der neuen Medien – beschäftigt. Ich möchte also im nächsten Schritt behaupten, dass es für uns Literaturwissenschaftler nun durchaus an der Zeit ist, die geschriebene Fankultur, also die Fan Fiction, nähern zu beleuchten. Dazu ein näherer Blick auf unser Versuchsobjekt.

„Was kommt dabei heraus, wenn man eine Frau mit dem Vokabular eines Bierkutschers in eine Beziehung mit einem snobistischen Lucius Malfoy steckt? Wie schafft es eine Hermine Granger unseren finsteren Meister der Zaubertränke an den Rand des Nervenzusammenbruchs zu treiben? Eine Geschichte über wahre Liebe, Intrigen, Chaos, Rache und nebenbei die Stärke einer Frau sich neu zu entdecken […]“

– „Auch aus Steinen wird ein Weg“, eine Fanfiktion von Ann-Su (4)

Wir alle wissen, was Leerstellen sind: Zwischenräume in Geschichten – das heißt, in Büchern, aber auch in Filmen oder Computerspielen –, die dem Rezipienten ein gewisses Maß an Fantasie zugestehen. Sie existieren zahllos im Text und richten sich direkt an dem Medienkonsumenten, mit Fragen wie: Was erlebten die neun Gefährten auf dem Weg von den Minen von Moria bis zum Goldenen Wald von Lothlórien? Wie sahen die ersten zehn Jahre im Leben von Harry Potter aus? Und was alles musste Leia noch ertragen, als Jabba The Hut sie in seinen Besitz genommen hatte? Leerstellen sagen aber noch etwas aus – und zwar: In der Zwischenzeit ist nicht mehr viel passiert, deswegen machen wir einen kleinen Sprung.

Die Fankultur gibt sich damit nicht zufrieden. Ein die-hard Star Wars Fan will es genau wissen – und er möchte (im Falle eines Fan Fiction Autors) nicht nur George Lucas persönliche Antwort auf all seine Fragen, im Gegenteil, er möchte sich die Antworten selbst geben. Dazu reichen aber bald auch die Leerstellen nicht aus, also werden sie künstlich geschaffen: Teile des Star Wars Universums werden genauer beleuchtet, Charaktere werden auf andere Planeten transferiert und Konstellationen von Partnern (in Sachen Beziehung) neu zusammengesetzt. In der Filmreihe hat Luke Skywalker niemals das jüngere Ich seines Vaters zu Gesicht bekommen – im Fan Fiction Universum reicht ein kleiner Zeitsprung und schon befinden wir uns in einer neuen Dimension, einer neuen Timline, die vollkommen mit eigenen Vorstellungen angefüllt werden kann (selbst J.J. Abrahams hat sich dieses kleinen Tricks bei „Star Trek 11“ bedient – was nun zur Folge hat, dass es plötzlich zwei Spocks in ein und derselben Zeitlinie gibt. Man mag also sagen, J.J. Abrahams hat sich seine eigene Fan Fiction geschaffen, wobei diese ihrerseits wieder Fan Fiction vonseiten der Fans anregt). Und ganz nebenbei: Fan Fiction muss sich nicht nur auf einen Film oder ein Buch(kurz: auf ein Fandom) beziehen – Crossovers, also die Einbeziehung von mehreren komplett unterschiedlichen Story ist im Fan Fiction Universum Gang und Gebe.

Etwas humorvoll ausgedrückt:

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Warum Star Wars, aber nicht Psycho? Warum Harry Potter, aber nicht Ziemlich Beste Freunde? Zum einen gilt: Je populärer, desto mehr Fan Fiction. Zum anderen eignen sich Filme oder Bücher, die ein ganzes Universum erschaffen viel besser für neue Anknüpfungspunkte. Ich will damit nicht sagen, dass es keine Fan Fiction zu Psycho gibt, aber die unterschiedliche Anzahl von Fanproduktionen spricht eine eindeutige Sprache. Was sagt uns das noch?

Fan Fiction ist vielleicht mehr, als ein Verbund von Schreibern, die zu wenig Fantasie haben um sich ‚etwas Eigenes‘ auszudenken. Im Gegenteil: Bei Fan Fiction geht es um das Eintauchen in einen bereits vorhandenen Text, es handelt sich um den Prozess eines Umschreibens, eines Weiterdenkens. Anknüpfungen an bereits vorhandene Welten bieten den Start, doch alles Weitere ist positiv – im Sinne von: produktiv. Unter dem Gesichtspunkt der Intertextualität – vielleicht mag man den experimentellen Namen ‚bewusste Intertextualität‘ einführen – ergibt sich ein Punkt, an dem die Literaturwissenschaft die Kontaktaufnahme wagen könnte. Doch wie und wo auch immer der Startpunkt für eine wissenschaftliche Untersuchung von Vorteil wäre – notwendig ist er in unserer Zeit und bei dem rasanten Wachstum der produktiven Fankultur und somit auch Fan Fiction allemal:

“…Fan fiction is a way of the culture repairing the damage done in a system where contemporary myths are owned by corporations instead of owned by the folk.”

― Henry Jenkins

PS:

Falls ihr euch weiter mit Fan Fiction beschäftigen wollte, empfehle ich das Projektstudium von Sanja Döttling „Fans & Fiktionen“ auf dem Medienblog media-bubble.de (eine Seite von Tübinger Studenten der Medienwissenschaft).

Das weiteren könnt ihr euch in dem Buch „Convergence Culture“ (2006) (2) von Henry Jenkins ausgiebig über die Fankultur und Medienkonvergenz sowie den Medienwandel informieren – genauere Angaben zu dem Buch findet ihr in den Quellen.

Anbei noch zwei der populärsten Seiten, auf denen ihr Fan Fiction lesen & schreiben könnt:

Deutschsprachig: www.fanfiktion.de
Englischsprachig: www.fanfiction.net

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Literatur

(1) http://henryjenkins.org/2006/09/fan_fiction_as_critical_commen.html#sthash.sVRUeiYM.dpuf
(2) http://resources.lawinfo.com/en/articles/copyrights/federal/fan-fiction-s-fair-use-of-original-material.html
(3) Jenkins, H. (2006). Convergence Culture: where old and new media collide. New York & London: New York University Press.
(4) http://www.fanfiktion.de/s/4b11578d00011596067007d0

Bilder

(a) http://letterstorob.files.wordpress.com/2010/01/fanfiction1.png

(b) http://4.bp.blogspot.com/_gMte6WwEohk/TLZXx2bPvbI/AAAAAAAAAIE/8FRah6RDliE/s1600/Xover+copy.jpg

(c) http://fc06.deviantart.net/fs70/f/2012/022/d/d/what_is_this____fanfiction__by_bayleef_-d4nazu9.png

Ein Kommentar

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Digitale Literatur & e-Poetics

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E-Books, Mitschreibprojekte, e-Poetry, Hyperlinks. Von der mündlichen Übertragung zur schriftlichen Festhaltung über die Erfindung des Drucks, erleben wir heute einen erneuten Umbruch mit: den zur digitalen Literatur.

Durch sie und die Verbindung mit dem Internet ergeben sich unzählige neue Möglichkeiten, die jedoch nicht immer nur positiv sind. Vordergründig stehen Fragen wie: Kann eine wertvolle, wissenschaftlich anerkannte Literatur noch gewährleistet werden, in einem Raum, der für jeden zugänglich ist und in dem nichts aussortiert wird? Muss die Literaturwissenschaft umdenken? Wie verändert sich die Autor-Leser-Beziehung?

Plötzlich erscheint das Geschriebene in einem ganz anderen Format. Es ist nichts Handfestes mehr,  kein Buch, das man sich in der Bücherei kauft oder in der Bibliothek ausleiht.

Das Internet (oder das Netz) erweitert das Feld der digitalen Literatur zusätzlich. Der Leser wird nicht nur (durch das Nutzen von Hyperlinks) in das Projekt eingebunden, sondern hat die Option, selbst Autor zu werden. Eine neue Produktions- und Rezeptionsbasis wird geschaffen.

Die lineare Struktur, wie sie in Büchern gegeben ist, verliert an Bedeutung. Verursacht wird diese Veränderung durch das Konzept des Hypertextes. Aber was genau ist unter diesem Begriff zu verstehen? Er bezeichnet einen neuen Text, einen neuen Wissenspfad, der über eine Querverbindung (Hyperlink) im vorausgegangenen Text beschritten wird. Dem Leser steht die Möglichkeit offen, selbst zu entscheiden, wie er vorgehen möchte und in welcher Reihenfolge er die Verbindungen wählen will. Er wird aktiv mit eingebunden und das hat die zuvor genannte Auflösung der Linearität zur Folge hat. Der Text als Einheit wird aufgebrochen.

Eines der ersten veröffentlichten Projekte zum Thema Hypertext bildete Susanne Berkenhegers „Zeit für die Bombe“:

http://berkenheger.netzliteratur.net/ouargla/wargla/zeit.htm

Sie gewann dafür 1997 den „Pegasus“- Preis.

Was damals eine Sensation war, ist heute nichts Besonderes mehr. Doch es zeigt, dass die Grenzen, die zuvor zwischen Autor und Leser vorhanden waren, sich bereits  zu dieser Zeit verwischen und sie tun es bis heute zunehmend. Doch nicht nur das. Die digitale Literatur ist multimediafähig. Das bedeutet, dass nicht mehr länger nur Text an sich verwendet wird, sondern eine Einbindung von Bild, Film und Ton möglich ist.

Was aus all diesen neuen Begebenheiten resultiert, ist die Notwendigkeit neuer und der klaren Definition bekannter Begriffe:

 Hyperfiction

„Hyperfiction“ bezeichnet einen literarischen Text, der im hypertextuellen Milieu konstruiert und rezipiert wird. Es kommt zur Auflösung der Linearität.

Digitale Literatur

„Digitale Literatur“ sind laut Roberto Simanowski alle computer- und netzbasierten literarischen Bestrebungen. Sie ist grundsätzlich an ein digitales Medium gebunden, welches interaktiv, intermedial oder inszeniert ist (eine dieser Eigenschaften genügt).

Literatur im Internet

Alles was als literarisch bezeichnet und ins Netz gestellt wird, ist als „Literatur im Internet“ zu verstehen.

Internetliteratur

Mit „Internetliteratur“ ist die Literatur gemeint, die ausschließlich mit Hilfe des globalen Netzwerks „Internet“ entstehen kann.

Schon allein die hiermit nur knapp angerissenen Bezeichnungen zeigen, wie schwer es ist, all den neuen Vorgängen in ihrer Komplexität gerecht zu werden.

 Zu einer neuen Art der Literatur gehören auch sogenannte „Mitschreibprojekte“. Der Leser ist eingeladen, gleichzeitig Autor zu werden. Dies kann unter anderem über ein für alle zugängliches Portal erfolgen oder über eine e-mail, die dem, der das Projekt einleitete (und der dann auch die Auswahlmöglichkeit hat), zugeschickt werden muss. Eine ganz andere Option ist die, dass der Leser vorschlägt, wie es weitergehen soll und der Autor bringt dies dann (nicht zu Papier sondern) ins Internet.

 Eine besondere Art dachte sich auch Dirk von Gehlen aus: Er stellte die Idee eines Buches („Eine neue Version ist verfügbar – Update: Wie die Digitalisierung Kunst und Kultur verändert“)  vor und die Leute hatten die Möglichkeit, das Buch zu kaufen, bevor es überhaupt geschrieben war. Als Gegenleistung wurde der Leser in den Entstehungsprozess miteingebunden. 350 Leserinnen und Leser kauften das Buch und es konnte problemlos finanziert werden.

http://www.dirkvongehlen.de/index.php/print/eine-neue-version-ist-verfugbar/

E-Poetry

Diese Idee ist nur eine von tausend neuen Wegen, die die Digitalisierung und das Internet ermöglichen. Was im Bezug auf Literatur nicht vergessen werden darf, ist das Feld der Poetik. Wie kann sie sich im Internet durchsetzen? Kann sie es überhaupt?

Die Beantwortung dieser Fragen erweist sich als schwierig. Es gibt unzählige Poetik-Foren, die immer neue Möglichkeit zeigen, wie man mit Poesie im digitalen Raum umgehen kann. Allerding handelt es sich dabei nicht um Besonderheiten. Zwar mag es den Leser oder Betrachter früher fasziniert haben, als die Variation, die in diesem Bereich eingebracht wurde, noch nicht ganz so verbreitet war, doch heute kann man sagen, dass sich dieses Genre nicht unbedingt durchgesetzt hat. Zumindest nicht in gleichem Maße wie literarische Texte.

Hier eines der regelmäßig aktiven Foren:

http://iloveepoetry.com/

Und daraus ein Beispiel für ein E-Poem:  

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http://iloveepoetry.com/?p=14

Wie sich zeigt, eröffnet sich dem Leser in vielen Bereichen eine Welt voller Möglichkeiten. Doch neben den Vorteilen, dass diese schnell und billig sind und dem Leser Freiraum und Eigenaktivität erlauben, stehen auch Nachteile wie die Unbeständigkeit, die Ununtersuchbarkeit oder der Aktualitätsverlust. Auch die Frage nach der Autorenschaft bleibt vorerst eine unbeantwortete. Aber nichtsdestotrotz birgt die digitale Literatur ein großes Potenzial. Sie darf als Literaturgattung keinesfalls aufgegeben werden, auch wenn ihre Wege scheinbar unberechenbar sind…

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